Metal oder Lehramt?

Bereits am Sonntag abend hatte ich einen Bericht der Welt entdeckt, in dem es um einen angehenden Lehrer geht. Der Kern des Artikels: Dieser Referendar, der zufälligerweise der Sänger der Death Metal-Band Debauchery ist, darf nicht Lehrer werden, weil er der Sänger der Death Metal-Band Debauchery ist. Die Schulleiterin, die Fachleiterin und das Regierungspräsidium Stuttgart sind der Meinung, dass er als Lehrer nicht geeignet sei, weil er sich nicht glaubwürdig genug zur Gewaltfreiheit bekennen würde.

Hier ist der Artikel aus der Welt (gegenüber dem ursprünglichen Artikel aktualisiert mit Beispiel-Bildern),  hier ein Bericht vom Metal Hammer.

„In glaubhafter und nachvollziehbarer Form“ soll Gurrath sich „insbesondere von gewaltverherrlichenden Liedtexten und pornografischen beziehungsweise gewaltverherrlichenden Darstellungsformen“ distanzieren, so hat es das Regierungspräsidium Stuttgart verlangt. Von Tönen und Bildern, die ansonsten bislang keine staatliche Stelle beanstandet hat.

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Thomas Gurrath wurde dazu gezwungen, sich zu entscheiden, zwischen Musik und Lehrerberuf. Er hat sich für die Musik entschieden.

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„Herr Gurrath“, schreibt die Fachleiterin in ihrer Mail, „konnte mir im weiteren Gespräch nicht deutlich machen, dass er sich im Ernstfall von den Inhalten seiner Songtexte distanzieren würde und vor Kindern und Jugendlichen glaubhaft machen kann, dass er für Gewaltfreiheit als Lehrperson einsteht.

Der Artikel beschreibt recht ausführlich den Hergang der ganzen Angelegenheit, ausführlicher, als ich es hier nacherzählen könnte.

Unmittelbar nachdem ich das erste Mal über diese Sache gelesen hatte, war ich erstmal schon etwas schockiert und kurz davor, hier ein paar böse Worte zu schreiben. Mittlerweile konnte ich ein bisschen länger darüber nachdenken – zu ein paar Punkten möchte ich aber dennoch mal meine Meinung loswerden.

Dabei kann ich erstmal nur davon ausgehen, dass sich das Ganze tatsächlich so zugetragen hat, wie es in den verlinkten Artikeln beschrieben ist, denn mehr als das weiß ich natürlich auch nicht.

Erst mal hat mich doch etwas überrascht, das gerade eine Zeitung aus dem erzkonservativen Springer-Verlag so wohlwollend über einen Todesmetaller berichtet.

Dann kann ich durchaus verstehen, dass jemand, der nichts mit Metal am Hut hat und die Promo-Fotos von Debauchery sieht, erstmal erschrocken ist. Wer sich mit den extremeren Formen des Metals beschäftigt, der merkt irgendwann, dass die blutrünstigen Lyrics, der (Pseudo-)Satanismus, das martialische Auftreten usw. eben eine Pose sind, etwas, das zum Image gehört und das von kaum jemandem ernst oder gar wortwörtlich genommen wird. So wie eben jede Subkultur ihre speziellen Merkmale und Symbole hat, um sich gegen den „Mainstream“ abzugrenzen. Von jemandem, der sich bisher nicht damit beschäftigt hat, kann man dagegen wohl nicht unbedingt erwarten, dass er das erkennt. Aber sollte diese Unkenntnis schon ausreichen, jemandem die berufliche Laufbahn zu beenden, bevor sie überhaupt angefangen hat?

Ich habe mir sagen lassen, dass ein Beamter laut Beamtenrecht wohl schon den bloßen Anschein vermeiden muss, er könnte seine Pflichten nicht zuverlässig genug erfüllen. Wenn das so stimmt, scheint mir das schon ein extrem dehnbares Kriterium zu sein, bei dem der Beamten-Anwärter erst mal selbst Schwierigkeiten haben dürfte, zu erkennen, welches Verhalten noch durchgeht und welches nicht mehr. Die einzige Sicherheit wäre dann: sich immer möglichst spießig verhalten und in der Öffentlichkeit immer schön das Maul halten. Das geht mir persönlich zu weit – ich würde auch jedem Beamten zubilligen, zwischen Beruf und Privatleben zu trennen und außerhalb seiner Beamtentätigkeit Hobbies und Vorlieben zu haben, die nicht jedem gefallen.

Unabhängig davon, ob das Vorgehen juristisch korrekt war oder nicht, finde ich es aber einfach unter aller Sau, wie mit dem Mann hier umgegangen wurde, besonders seitens der Rektorin. Laut Welt-Artikel fand sie seine Auffassungen „zum Kotzen“, laut Metal Hammer wurde ihm erstmal eine Geisteskrankheit unterstellt. Wenn diese Frau nicht in der Lage ist, einen Konflikt zu lösen, ohne gleich zu beleidigendem und verletzendem Vokabular zu greifen, sollte sie sich mal fragen, ob sie nicht ihren Beruf verfehlt hat. Oder springt sie mit ihren Schülern auch so um?

Als Eindruck bleibt bei mir von der ganzen Sache auf jeden Fall zurück, dass Thomas G. einfach ziemlich schäbig behandelt wurde. Ich hoffe, er lässt sich nicht unterkriegen.

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